Historische Einführung

Kreta scheint erstmalig in der neolithischen Zeit bewohnt gewesen zu sein, d.h. vom 6. Jahrtausend v. Chr. an. Seine ersten Bewohner kamen wahrscheinlich aus Kleinasien. Seine Kultur, obwohl ziemlich primitiv, entwickelte sich durch die Landbearbeitung und durch die Tierhaltung und -zähmung bis zum Stadium der Produktion. Sie wussten schöne, glänzende Gefäße herzustellen, welche oft mit geometrischen, verzierenden Mustern graviert waren. Sie verstanden Häuser aus Steinen zu bauen. Sie benutzten aber auch die Höhlen als Behausung. Metalle waren für sie unbekannt, und für die Herstellung der erforderlichen Werkzeuge und Waffen (Hammer, Beile, Messer usw.) wurden verschiedene harte Gesteine und der Obsidian von Melos benutzt. Aus einfachen und verhältnismäßig primitiven Idolen ziehen wir die Schlussfolgerung, dass sie eine weibliche Gottheit der Fruchtbarkeit verehrten.

Der neolithischen Zeit folgte die Zeit der Bronzekultur oder Minoischer Kultur, wie sie der englische Archäologe und Ausgräber des Knossos-Palastes Arthur Evans nannte, nach dem Namen des mythischen Königs von Kreta, Minos. Diese Kultur dauerte von 2.600 - 1.100 v. Chr., d.h. ca 1.500 Jahre und ihre Blütezeit fiel in das 18. bis 16. Jh. v. Chr.

Vor den großen Ausgrabungen, die um 1900 von ausländischen und griechischen Archäologen auf Kreta durchgeführt wurden und vor der Entdeckung der Paläste von Knossos und Phästos mit ihrer erstaunlichen Architektur und ihren wunderbaren Funden, waren sehr wenige Dinge über das minoische Kreta bekannt.

Seine Geschichte war in den Bereich der Sage übergegangen und sie war als eine ferne Erinnerung in der griechischen Überlieferung und Mythologie geblieben. Die antiken Schriftsteller berichten hauptsächlich von dem König Minos, dessen Hauptstadt Knossos war. Er war ein weiser Gesetzgeber, ein gerechter Richter (deshalb richtete er nach seinem Tod zusammen mit Radamanthys und Äakos im Hades die Seelen) und auch ein großer Meeresbeherrscher. Homer nennt ihn "ALoq peydAou öaptoTfiv", nämlich geliebten Gesprächspartner und Freund des Zeus, und Thukydides erwähnt, dass er als erster das ägäische Meer mit seiner Flotte beherrschte, die Kykladen erwarb und sie zu seinen Kolonien machte, nachdem er die Kares verjagt und das Meer von Piraten befreit hatte. Platon spricht von den schweren Steuern der Tributpflicht, die die Athener gezwungen waren an Minos zu zahlen. Leicht sind aus dem Mythos von Theseus die historischen Anhaltspunkte zu erkennen. Auch Aristoteles begründet die Meeresherrschaft mit der geographischen Lage Kretas.

Tatsächlich erwies sich diese Lage als besonders günstig, sowohl für die Vorherrschaft der Minoer auf dem Meer, als auch für die Schaffung und Entwicklung ihrer bewundernswerten Kultur. An diesem Scheideweg zwischen drei Kontinenten, trafen und vereinigten sich die Rassenelemente und die Kulturströmungen Asiens, Afrikas und Europas und schufen eine neue Lebensweise, eine neue Welttheorie und eine ausgezeichnete Kunst, welche selbst heute noch mit ihrer Frische, ihrer Anmut, ihrer Mannigfaltigkeit und ihrer Antriebskraft in Erstaunen versetzt.

Die Vermischung der Rassenelemente auf Kreta beweisen die verschiedenen Schädeltypen, die bei den Ausgrabungen gefunden wurden. Allgemein aber werden die Minoer der sogenannten "Mittelmeer-Rasse" zugeordnet: sie haben verhältnismäßig mittlere Gestalt, schwarze, krause Haare und braune Augen. Ihre Sprache ist nicht bekannt weil ihre Schrift noch nicht entziffert ist, es scheint aber, dass sie einer gesonderten Kategorie der Mittelmeersprachen angehört. Später, nach 1450 v. Chr., als die Achäer sich auf Kreta niedergelassen hatten, wurde als offizielle Sprache eine sehr archaische Form der griechischen Sprache benutzt und verbreitet. Es ist jene, die in den Texten der Linear-B-Schrift gelesen wird, welche Ventris entzifferte. Parallel dazu wurde noch von den Eteokreten (den echten Kretern) die alte minoische Sprache gesprochen, wie aus den eteokretischen Inschriften, die in Ostkreta gefunden wurden und dem 6. und 5. Jh. v. Chr. angehören, bewiesen wird.

Homer wusste zu berichten, dass die Bewohner Kretas vielen Rassen angehörten. Er gibt fünf davon an: die Pelasgi, die Eteokreten, die Kydones, die Achäer und die Dorier und fügt hinzu, dass jede ihre eigene Sprache benutzte. Er betont außerdem, wie menschenreich Kreta in seinen 90 oder 100 Städten war. Er erwähnt einige, wie Knossos, Phästos, Gortys, Lyttos, Kydonia und Rytion.

Die Ausgrabungen, durch die eine Menge minoischer Zentren entdeckt wurden, gaben Homer Recht. Unter ihnen waren vier Palast Zentren, nämlich solche, die um einen großen Palast herum entstanden. Außer Knossos und Phästos kennen wir heute Malia und Zakros.

Die minoische Epoche unterteilte Evans anhand der Keramik in 3 Perioden: die "frühminoische Epoche", die "mittlere minoische Epoche" und die "spätminoische Epoche". Heute wird nach dem Vorschlag von Prof. N. Platon ein anderes zeitliches System anerkannt, und zwar anhand der großen Katastrophen und der Lebensdauer der minoischen Paläste. So haben wir nachstehend die Perioden für das prähistorische Kreta:


Neolithische Epoche (vor 6000 - 2600 v. C h r.)

Minoische Epoche:

Vor-Palastzeit: 2600-1900 v. Chr.

Ältere Palastzeit: 1900 - 1700 v.Chr.

Neuere Palastzeit: 1700 - 1350 v.Chr.

Nach-Palastzeit: 1350 - 1100 v.Chr.

Subminoische Periode: 1100-1000 v. Chr.

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Vor-Palastzeit: 2600-1900 v. Chr.

In der Vor-Palastzeit (2600-1900 v. Chr.) wurde mit dem Ankommen der neuen Rassenelemente auf Kreta zum ersten Mal Kupfer für die Herstellung von Werkzeugen und Waffen benutzt. Ihr Gebrauch breitete sich sehr schnell aus und dauerte bis zum Ende der minoischen Epoche. Die Vorpalast-Siedlungen sind uns nicht genug bekannt. Wir wissen aber, dass es fest gebaute Häuser aus Steinen und Ziegeln gab, mit vielen Zimmern, mit steinbelegten Höfen und häufig mit rot verputzten Wänden. Die charakteristischsten Häuser wurden in Vassiliki und Myrtos / Hierapetra gefunden. Im Gegensatz dazu sind uns die Gräber dieser Epoche sehr gut bekannt; sie sind große Kuppelgräber (wie in der Messara‑Ebene), unter Felsen gemauert (Mochlos), in Felsen eingehauen (Agia Photia / Sitia) oder Grabeinfriedungen (Archanes, Chryssolakkos / Malia, Paläkastro, Zakros u.a.). Aus den reichen Funden dieser Gräber erfahren wir über die Kunst und die Entwicklung der Vorpalast-Kultur. in der Keramik herrschen mannigfaltige Stile, heute bekannt mit den Namen Pyrgos, Ag. Onouphrios, Lebena, Koumassa, Vassiliki. Sie bilden Stroh, Holz oder Leder nach und entwickeln gravierte oder beweglich gemalte und eingravierte Verzierungen. Es heben sich die Gefäße im Vassiliki-Stil mit ihrer glänzenden, geflochtenen Verzierung, die durch ein gewisses Brandverfahren gemacht wurde, und mit ihren kunstvollen Formen, wie die der "Teekanne" und der hohen "schnabelförmigen" Kannen hervor. Am Ende der Epoche erscheint die erste polychrome Keramik.

In der Kleinkunst heben sich die Werke der Goldschmiedekunst (Schmuck aus Mochlos und aus Rundgräbern in der Messara) und die hervorragenden Beispiele der ersten Siegel aus Elfenbein und Steatit heraus.

Die Gesellschaft scheint in Klassen organisiert gewesen zu sein. Die Landwirtschaft, die Tierzucht, das Seewesen und der Handel sind entwickelt und systematisiert. In der Religion sind die Hauptformen der Gottheit und die Hauptsymbole der Verehrung erschienen. Charakteristisch sind die Idole der Gottmutter.

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Ältere Palastzeit: 1900-1700 v. Chr.

Zu Anfang der Älteren Palastzeit (1900-1700 v.Chr.) konzentriert sich die Macht aus unbekannten Gründen in den Händen von Königen und so entstehen die ersten großen Palastzentren, mit der breiten kulturellen Ausstrahlung auf ihre Umwelt. Die Ausgrabungen haben vier große Paläste hervorgebracht: Knossos, Phästos, Malia und Zakros; es muss aber noch mehr gegeben haben. Wie es von ihren wenigen Teilen, die unter den neueren Palästen gefunden wurden scheint, trugen sie alle die Merkmale der entwickelten minoischen Bauplanung mit der Anordnung rund um einen Zentralhof, den schönen Fassaden aus aneinandergefügten Tuffsteinen, den vielen Vorratskammern, den heiligen Zimmern, den Monumentaleingängen, den verschiedenen Terrassen und Etagen, welche durch kleine Treppen verbunden waren. Das beste Beispiel dafür ist im westlichen Palastteil von Phästos entdeckt worden. In den Palastwerkstätten entwickelte sich der dekorierendste Keramik-Stil der gan­zen Welt, der Kamares-Stil, der seinen Namen von der Kamares­Höhle, wo er zum ersten Mal gefunden wurde, ableitet. Seine Themen sind polychrom und voll Bewegung, basierend auf Rosetten, Spiralen und Netzmustern. Gemalt wurde auf dunkel glänzendem Grund auf einer Auswahl von Gefäßformen, die mit bewundernswerter technischer Vollkommenheit hergestellt waren. In den Spezialwerkstätten der Paläste entstanden ausgezeichnete Gefäße oder Gegenstände aus Stein oder Fayence, Siegel aus Edel oder Halbedelsteinen mit hieroglyphischen Zeichen und dynamischen, nicht selten naturalistischen Darstellungen, elegante und feste Waffen und Werkzeuge, Gegen­stände aus Bronze oder Silber und technisch gesehen wunderbarer Schmuck (berühmt ist der Bienegoldanhänger aus Chryssolakkos in Malia), so wie auch graziöse Kleinskulptur.

Die Tonplastik der älteren Palastzeit kennen wir aber besser aus den Votivgaben der Bergheiligtümer (Orte der Verehrung auf Hügel­oder Bergspitzen), die für diese Epoche charakteristisch sind. Die be­kanntesten von allen entdeckten sind die von Petsopha, von Piskokephalo, von Juktas, von Kalo Chorio, von Kophinas, von Traostalos, von Vrissinas. Das minoische Pantheon gestaltet sich mit immer hauptsächlichem Element die mütterliche Gottheit und es verallgemeinert sich der Gebrauch der heiligen Symbole (der heiligen Hörner und der Doppelaxt). Die Gesellschaft ist hierarchisch organisiert, die Arbeiten werden verteilt und die Beziehungen mit der Außenwelt werden enger. In den Palastarchiven wird die hieroglyphische Schrift verwendet, welche sich rasch zur Linearschrift entwickelt.

Eine schreckliche, wahrscheinlich Erdbeben-Katastrophe um 1700 vor Chr. lässt die Älteren Palast-Zentren und die Siedlungen Kretas in Trümmer zerfallen.

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Neuere Palastzeit: 1700-1350 v. Chr.

In der Neueren Palastzeit (1700 ‑ 1350 v. Chr.) erreicht die minoische Kultur ihre größte Blüte. Die neuen Paläste, die auf den Ruinen der alten aufgebaut werden, sind viel prachtvoller. Die Städte um sie herum dehnen sich aus und schwirren vor Leben, auf der ganzen Insel werden neue Siedlungen gegründet, viele große Landhäuser, Sitze der Lokalherren, kontrollieren, wie im Mittelalter die Lehnsherrenburgen große Gebiete, die Straßen werden zahlreicher und besser, die Häfen werden organisiert und die schnellen Schiffe bringen die Erzeugnisse der Landwirtschaft und der kretischen Kunst in die ganze damalige kultivierte Welt, wo sie gegen Rohstoffe ausgetauscht werden. Die neuen Paläste sind vielstöckig und labyrinthartig, mit großen Höfen, großartigen oder malerischen Säulenhallen, breiten bequemen Treppen, Prozessions-Gängen und Monumental-Propyläen, Polythyra, königlichen Wohngemächern mit Thronen und Bänken, Bädern und innerlichen Lichtschächten, mit Reihen von heiligen Gemächern und Vorratskammern, Krypten, Empfangssälen, mit Sälen für Symposien und für feierliche Zeremonien, mit vielen Arten von Hilfs- und Arbeitseinrichtungen und klug ausgedachten Bewässerungs- und Kanalisationssystemen. Es ist nicht erstaunlich, dass Gebäude mit solcher Ausdehnung und vielen Teilen (wie der Palast von Knossos, der auf 22.000 qm gebaut ist, und der damals mehr als 1.500 Räume hatte) den Labyrinth-Mythos in der griechischen Phantasie entwickelten. Ein besonderes Charakteristikum der großen Paläste, aber auch der kleineren, die in verhältnismäßig kleiner Entfernung gebaut wurden und vielleicht als Sommerresidenz der Könige, in Knossos, in Archanes und in Ag. Triada (Phästos) dienten, sind die wunderbaren Fresko-Verzierungen der Wände mit bun­ten, darstellenden, frischen und ganz lebendigen Malereien oder die Wand- und Boden-Verkleidungen mit' leuchtend weißen und gemaserten Gipsplatten. Ländlichen und gewerblichen Charakter, sehr in­teressante Einrichtugen aber hatten die palastartigen Landhäuser der Lokalherren in Vathypetro, Sklavokampos, Tylissos, Metropolis von Gortys, Nirou Chani, Zou, Pyrgos in Myrtos, Praissos, Apano Zakros U.a.

Das soziale System war wahrscheinlich ein Feudal- und theokratisches System und der König jedes Palastzentrums war gleichzeitig der oberste religiöse Führer. Wahrscheinlich existierte eine Hierarchie unter diesen königlichen, religiösen Führern, und zwar mit dem König von Knossos an der Spitze. Dank diesem System herrschte auf der Insel dauernder Friede, die berühmte PAX MINOICA, und machte die große kulturelle Entwicklung, das fröhliche, verfeinerte Leben und die kretische Seeherrschaft möglich.

Die Kunst der jüngeren Palastzeit ist zu ihrem größten Teil naturalistisch und zeigt die Liebe und die innerliche psychische Verbindung der Minoiten mit der allmächtigen, ewigen und sich ständig erneuernden Natur.

In der Keramik entwickeln sich verschiedene Stile: der Meeres-Stil mit seinen ganz lebendigen Motiven aus der vielgestaltigen und prächtigen Welt des Meeresgrundes (Polype, Tritonen, Seesterne, Porphyren, Felsen, Algen usw.), der "Flora"-Stil mit den frischen Pflanzen-Stil, und den völlig geöffneten Blumen, der Dekorations-Stil der als Hauptthema Spiralen in komplizierter Anordnung, aber auch heilige Symbole oder Waffen zeigt und in der letzten Phase der Periode der "Palast"-Stil mit seinen tektonischen Formen und den in Zonen eingeteilten Verzierungen.

Die Fresken besonders charakteristisch für diese Epoche schmücken in viel größerem Ausmaß als früher die Paläste und die reichen Gebäude, indem sie jetzt Landschaften (königliche Gärten mit exotischen Tieren, wie z.B. Affen, Gebüsche mit dichter Vegetation, Vögel, Wildkatzen, Rehe) und Szenen aus dem religiösen und sozialen Leben, Feiern in den Palästen und Heiligtümern (Miniaturfresko aus Knossos) Wettkämpfe für die Gottheit, wie auch Stierkämpfe, Feierlichkeiten, wie z.B. das "heilige Abendmahl" mit der "Pariserin", abbilden. Die Fresken in Relief zeigen großartige Gestalten von Prinzen und Hochpriestern (der Prinz mit den Lilien) und heilige und phantastische Tiere (Stiere, Sphinxe, Griffinen, u.a.).

In der Tonplastik sind die Formen natürlicher und vollständiger, wie. bei den Idolen mit den schönen Frisuren aus Piskokephalo in Sitia, und wie bei den plastischen "Rhyta" in Stier oder Wildkatzenform. Die Steingefäße und ‑Gegenstände werden aus schönen gemaserten und farbigen oder seltenen harten Steinen, wie Alabaster, Marmor, Bergkristall, Obsidian, Porphyrit und Basalt gemacht. Oft haben sie die Form ganzer heiliger Tiere oder ihrer Köpfe, wie die prachtvollen Stierköpfe von Knossos und Zakros, oder sie sind mit meisterhaften, reliefartigen Darstellungen geschmückt, Wie die von Agia Triada (Rhyta der Schnitter und der Wettkämpfe, Rapportbecher) und das Rhyton aus Zakros mit dem Bergheiligtum.

Seltene und teure Gegenstände werden auch aus Fayence hergestellt, wie plastische Rhyta (Trankopfervasen) (Zakros), inkrustierteoder Votivtäfelchen ("Stadtmosaik" und Exvotos in Relief von Knossos) und einzigartige Idole, wie z.B. die Schlangengöttinnen. Goldschmiedekunst und Elfenbeinkunst bringen entsprechende Werke technischer Vollendung hervor, wie der goldelfenbeinerne Stierkämpfer von Knossos, königliche Spiele, goldene Ringe mit eingravierten feierlichen Miniaturszenen, die uns viel über die minoische Religion erfahren lassen, Schmuckstücke jeder Art und goldene, vergoldete oder silberne Gegenstände. Goldbelag und goldene Nägel haben oft auch die Griffe der langen Schwerter oder der eleganten Dolche dieser Epoche geschmückt.

Die Bronzekunst bringt abgesehen von den Waffen und den Werkzeugen jeglicher Art, von denen viele den heutigen ähneln, schöne Gegenstände mit verwickelter, geschmack- und ausdrucksvoller Verzierung hervor.

Die Siegel der jüngeren Palastzeit werden aus Edel oder Halbe­delsteinen geschnitten und zeigen in Natürlichkeit und Grazie wunder­volle Darstellungen aus der Tierwelt und dem religiösen Motivenkreis. Ihre gewöhnlichen Formen sind linsen- und mandelförmig.

In der Religion ist die herrschende Gottheit immer die Gottesmutter, die in ihren verschiedenen Gestalten dargestellt ist. Es ist die irdische Göttin mit den Schlangen, die "Potnia Theron", von Löwen und Wildziegen umgeben und die himmlische Göttin mitten in Vögeln und Sternen. Mit ihr werden der starke zeugende Gott, offensichtlich in der Form des, Stieres, und das junge Paar, der Junge und das Mädchen, welche im Herbst sterben oder weggehen und im Frühling wieder ans Licht und ins Leben zurückkehren, verehrt. Dadurch wird die periodische Gestaltung der Natur vertreten. Neben ihnen erleichterte eine ganz exotische, wundervolle, dienende Dämonenwelt die Verbindung des Menschen zur Gottheit.

Die Gottheiten werden immer in den Palästen, in Haus oder Land­hausheiligtümern, auf Bergspitzen und in heiligen Höhlen verehrt. Viele von den Elementen des minoischen Kultus gingen später auf den griechischen mysteriös‑religiösen Kreis über. Die meisten Gräber sind in den weichen Felsen eingehauen und bestehen aus einer viereckigen Grabkammer und einem abschüssigen Gang. Einige sind auch kuppelartig mit einem runden oder rechteckigen Raum. Das königliche Südgrab-Heiligtum von Knossos ist eine ganze Gebäudeanlage mit einer kleinen Stoa, einer Krypta mit viereckigen Pfeilern, eingehauen in Felsen, und darauf einem zweiten Stockwerk für den Totenkultus. Es erinnert sehr an das "Grab des Minos" in Sizilien, wie es uns Diodoros beschreibt.

Die hieroglyphische Schrift der vorigen Epoche entwickelt sich jetzt zur Linearshrift A. Die Texte, die erhalten sind, ungefähr 200, sind in der unbekannten minoischen Sprache auf Tontäfelchen geschrieben und enthalten Buchungsangaben. Sie stammen aus Palast­ oder Residenzarchiven (Knossos, Archanes, Tylissos, Agia Triada, Phästos, Zakros, Chania). Der "Diskus von Phästos" mit dem originalen hieroglyphischen Text gehört in die erste Phase der jüngeren Palastzeit. Die hieroglyphische Schrift scheint aus früheren Zeiten überlebt zu haben und wurde von dem Priestertum für das Schreiben religiöser Texte benutzt.

Um 1450 wurden alle jüngeren Palastzentren Kretas von den furchtbaren Folgen des Vulkanausbruches auf Santorini zerstört. Das Leben kehrt nicht wieder zurück, ausgenommen im Palast von Knossos, welcher wieder aufgebaut wird, um jetzt als Sitz einer neuen, achäischen Dynastie benutzt zu werden. Ihr Vorhandensein wird sowohl durch die griechische, sehr archaische Sprache, weiche mit dem Linear-B-Schriftsystem geschrieben wird, als auch durch das Entstehen des "Palast"-Stils in der Keramik bewiesen. Es gibt viele Änderungen in der Anordnung der Paläste und in diese Periode gehören der "Thronsaal" und die endgültige Gestaltung und Bemalung des "Prozessionskorridors", so wie auch die meisten der bis heute erhaltenen Fresken.

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Nach-Palastzeit: 1350-1100 v. Chr.

Nach der endgültigen Katastrophe um 1350 entsteht kein neuer minoischer Palast auf der Insel. Die achäischen Dynastien bauen in anderen, noch unbekannten Gegenden, ihre einfachen, mykenischen Paläste, deren Überreste nur auf den Ruinen älterer königlicher Landhäuser (in Agia Triada) und reicher Landhäuser oder Häuser (in Tylissos) erhalten sind. Es ist auch nicht der Palast des Idomeneus, des Königs von Knossos gefunden worden, des Herrschers, der mit seinem Freund Meriones und seinen 80 Schiffen am Trojanischen Krieg teilgenommen hat.

Es sind aber viele mykenische Zentren bekannt, die sich jetzt über ganz Kreta ausbreiten und von denen die meisten ihr Dasein auch in hellenistischen Jahren fortsetzen (Kydonia, Polyrrenia, Kissamos, Knossos, Gortys, Phästos, Lyktos, Arkadia, Ryttion usw.).

Die neue Kultur, deren Grundlagen minoisch sind, deren Geist aber archaisch-griechisch ist, hat eine Tendenz zur Architektonisierung und Formalisierung. Der einfache mykenische Palast tritt an Stelle der labyrinthartigen Bauwerke; in der Keramik herrscht die mykenische Einfachheit mit der unendlichen Wiederholung derselben Formen und der einfachen Verzierung; die Fresken verlieren ihre alte Freiheit und Lebendigkeit. Die Tonplastik schafft große bedeutende Idole, diese aber sind schematisch und starr (Metropolis von Gortys, Gournia, Gazi).

Die Religion und der Kultus ändern sich nicht wesentlich. Die Gräber sind wie früher grundsätzlich in Felsen eingehauen mit einem langen Gang, aber die Totenbeigaben sind ärmer und die meisten Schmuckstücke, die die Toten schmücken, sind aus einer farbigen Glasmasse anfertigt.

Die letzte Phase dieser Epoche ist eine Periode des Verfalls und der Verwirrung, welche die Bewegung der "Meeresvölker" im östlichen Mittelmeer hervorruft. Es scheint, dass die Vorboten der dorischen Stämme Kreta zu erreichen beginnen, weil sich sporadisch einige neue Zivilisationselemente zeigen, wie z.B. die Verbrennung der Toten, die Eisenwaffen und -werkzeuge, die Schnallen - welche von einer neuen Bekleidungsmode zeugen - und die geometrischen Schmuckmotive.

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Subminoische Periode: 1100-1000 v. Chr.

Mit der Ankunft dorischer Masseneinwanderungen um 1100 v. Chr. tritt Kreta in die reine griechische Periode seiner Geschichte. Die Frühgeometrische Epoche, welche folgt (1100 - 900 v. Chr.) geht parallel mit der Subminoischen, weil die altkretische kulturelle Überlieferung in bestimmten Gegenden, besonders in den gebirgigen Zentren der Eteokreten in Zentral- und Ostkreta (Karphi / Lassithi, Vrokastro / Merambello, Prässos und anderen Gegenden von Sitia) fortfährt zu widerstehen und den rauhen Eroberer zu beeinflussen. Keiner zweifelt heute an dem Beitrag der minoischen und mykenischen Kultur Kretas zur Schöpfung des griechischen Wunders.

In dieser Periode verbreitet sich allgemein der Gebrauch des Eisens und die Totenverbrennung. Die "Aschenurnen'' bilden die charakteristischste Keramik dieser Epoche. Ihre schönsten Beispiele kommen aus Fortetsa, in der Gegend von Knossos, und einige zeugen von athenischem Einfluss auf die frühgeometrische Kunst Kretas.

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